Mein Hund gähnt mich an. Warum?

Dein Hund gähnt Dich an, und Du bist nicht sicher, warum er das tut? Ist er müde? Obwohl das möglich ist, ist die Ursache wahrscheinlich eine andere. Denn das Gähnen ist eine von vielen „Vokabeln“, mit denen der Hund sich anderen Rudelmitgliedern (also auch Dir) mitteilt.

Womöglich ist es Dir gar nicht bewusst, aber wenn Dein Hund gähnt, will er Dich beschwichtigen. Das heißt, er fühlt sich in dem Moment von Dir auf irgendeine Weise bedroht oder eingeschüchtert.

Um im Gruppenverband Konflikte zu vermeiden, senden Hunde an ihr Gegenüber sogenannte Beschwichtigungssignale aus. Diese zeigen einem möglichen Aggressor, dass der Hund selbst keine Bedrohung darstellt oder sich unterordnet, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden.

Wenn der Hund gähnt, beobachte Dich selbst

Wenn Dir wieder auffällt, dass Dein Hund Dich angähnt, mach Dich dieser Situation bewusst und überlege genau, welche Deiner Aktionen dem Gähnen vorausgegangen ist? Bist Du schnell auf ihn zugegangen? Wurde Deine Stimme laut oder hast Du einen ernsten Ton angeschlagen? Hast Du Dich über ihn gebeugt, oder versucht, ihn zu umarmen, obwohl er das vielleicht nicht möchte?

All diese Dinge (und noch mehr) interpretiert der Hund als Bedrohung oder Aggression gegen ihn und er versucht, die Situation durch die Beschwichtigungssignale zu entspannen.

Sobald Dir das bewusst ist, wirst Du feststellen, dass Dein Hund ein ganzes Repertoire solcher Signale verwendet und diese einzeln oder in Kombination miteinander an Dich aussendet. Du solltest dann in jedem Fall damit aufhören, was immer Du gerade getan hast. Wenn Du ihm zu nahe gekommen bist, entferne Dich etwas. Hast Du Dich über ihn gebeugt, ebenfalls. Umarmst Du ihn, lass von ihm ab. Bist Du laut oder ernst mit Deiner Stimme geworden, schlage einen freundlichen und friedlichen Ton an. Unterlasse alles, was der Hund als Bedrohung empfinden kann.

Bei den meisten Hunden ist zwar nicht unmittelbar mit einer Abwehrreaktion zu rechnen, auch wenn man die „rote Linie“ überschreitet und trotz Beschwichtigungssignalen sein Verhalten nicht ändert, Aber ganz gleich, ob er dazu neigt, zu beißen, um sich zu wehren, so ist die Bedrohung doch ein Stress für ihn. Und Stress ist nicht gut für Deine Beziehung zu Deinem Hund. Also höre darauf, was er Dir sagen möchte.

Welche Beschwichtigungssignale gibt es?

Die norwegische Autorin und Hundetrainerin Turid Rugaas hat bereits 1997 ein Buch veröffentlicht, in dem sie die verschiedenen Beschwichtigungssignale beschreibt. Es ist quasi das Standardwerk zu dem Thema, und wir empfehlen Dir, es zu lesen, um Deinen Hund besser kennenzulernen.

Diese Signale sind universell und international. Das heißt, dass alle Hunde auf der Welt sich mit den gleichen oder sehr ähnlichen Signalen verständigen. Denke daran, wenn Du auf Reisen auf andere Hunde triffst.

Es gibt etwa 30 verschiedene Signale. Wenn der Hund gähnt, ist das nur eines davon. Nachfolgend erläutern wir Dir die gängigsten. Da der „Aufhänger“ dieses Beitrags ist, dass der Hund gähnt, fangen wir auch damit an.

Gähnen

Was aussieht wie ein Müdigkeitsanfall, wenn der Hund gähnt, ist zumeist seine Reaktion darauf, dass Du böse klingst, dass es Streit im Umfeld gibt, wenn sich jemand über ihn beugt, etc.. Stressen kann ihn außerdem ein Tierarztbesuch, eine Trainingsübung, bei der Du etwas von ihm verlangst, worauf er keine Lust hat, oder umgekehrt: wenn Du ihm etwas verbietest, das er gern tun möchte.

Gähnen muss aber nicht immer nur eine negative Reaktion sein. Es kann auch bedeuten, dass Dein Hund vorfreudig aufgeregt ist, zum Beispiel wenn Du Dich bereit machst zur Gassirunde. Beachte die äußeren Umstände, um es richtig zu deuten.

Wegschauen

Manchmal dreht der Hund den Kopf zur Seite und schaut weg, oder er dreht sich komplett um und wendet Dir seine Rückseite zu. So reagiert er meist, wenn sich ihm jemand von vorne nähert und er das nicht möchte. Auch ärgerliche Stimmung oder aggressives Verhalten beantwortet der Hund oft auf diese Weise.

Eine weitere Botschaft kann sein, dass er genug hat von dem, was bisher getan wurde. Meist, wenn Du mit ihm bestimmte Übungen machst, um ihm etwas beizubringen. Hat er keine Lust mehr, dreht er sich um.

In den allermeisten Fällen wirkt das auf andere Hunde auch beruhigend und sie hören mit der Bedrohung auf. Das kannst Du Dir selbst auch zu Nutze machen, wenn Dich ein fremder Hund bedroht. Drehe Dich um und zeige ihm Deinen Rücken. Er wird die Nachricht verstehen.

Maul oder Nase lecken

Die eigenen Lippen oder die Nase zu lecken ist ebenfalls ein sehr häufig zu beobachtendes Signal. Oft in Kombination damit, dass der Hund gähnt. Besonders langhaarige oder dunkelhaarige Rassen, deren Mimik schlecht auszumachen ist, nutzen dieses deutlich sichtbare Signal, um sich anderen Hunden mitzuteilen.

Achte zum Beispiel beim Gassigehen darauf, wie häufig sich Dein Hund die Nase leckt, vor allem bei Begegnung mit anderen Hunden. Das muss auch nicht immer eine lange ausladende Zungenbewegung sein. Oft ist das Nase lecken ein sehr subtiler und kurzer Vorgang. Manchmal zeigt sich nur kurz die Zungenspitze. Andere Hunde erkennen das sofort und verstehen es. Und: sie antworten darauf.

Verbeugen

Nicht ganz so häufig und auch eher rasseabhängig ist das Verbeugen mit ausgestreckten Vorderläufen. Meistens sieht das aus, als wolle der Hund sich strecken, wenn er eine lange und ausgedehnte Verbeugung macht.

Eine Variante davon ist das ruckartige Verbeugen, bei dem der Hund mit den Vorderpfoten auf und ab oder hin und her springt. Dies ist allermeistens eine Aufforderung zum Spiel. Der Hund ist also gerade gut drauf und in Laune, herumzutoben. Dieses Signal kann er aber auch nutzen, um eine ernste Situation zu entspannen.

Begegnen sich zwei Hunde zum ersten Mal, springen sie manchmal beide in die Verbeugungsposition und verbleiben dort. Dabei haben sie einerseits genug Zeit, einander zu beobachten, und andererseits signalisieren sie zugleich, dass sie für den anderen keine Bedrohung darstellen.

Am Boden schnüffeln

Ebenfalls sehr subtil und nicht ganz so häufig bei allen Rassen zu beobachten ist das scheinbar ziellose Schnüffeln am Boden. Bei Welpen sieht man dieses Verhalten öfter als bei erwachsenen Hunden. Die Nachricht dahinter lautet „Hier ist es laut, voll, stressig.“ oder „Ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll.“

Das Schnüffeln kann ein kurzer „Check“ des Bodens mit der Nase, aber auch ausgiebiges Schnuppern sein.

Kommt beim Gassigehen ein Fremder auf Euch zu? Beobachte Deinen Hund! Senkt er seinen Kopf (auch nur leicht und kurz)? Zeigt er dem Entgegenkommer seine Seite und schnuppert zugleich? Dann kann das bedeutetn, dass er sich in Alarmbereitschaft versetzt und potenziell bedroht fühlt.

Langsam gehen

Schnelle Bewegungen sind für viele Hunde immer potenziell bedrohlich. Vor allem, wenn sie direkt auf den Hund zu kommen.

Unsichere Hunde bewegen sich langsam und bedächtig. Wenn Du Deinem Hund Sicherheit vermitteln willst, vermeidest Du darum auch schnelle und hektische Bewegungen. Das ist allgemein immer ratsam, wenn Du bemerkst, dass Dir ein Hund ein Beschwichtigungssignal zusendet.

Bewegt sich Dein Hund sehr langsam, wenn Du ihn zu Dir rufst? Dann liegt das mit Sicherheit an Deiner Stimme und an der Lautstärke. Er fühlt sich von Dir bedroht und vertraut Dir nicht und fürchtet, in Deine Nähe zu kommen. Darum will er Dich mit der langsamen Bewegung beschwichtigen. Noch lauter und noch zorniger nach ihm zu rufen, ist in dieser Situation darum das genaue Gegenteil von dem was Du tun solltest.

Zeige Dich dann ruhig und freundlich, und Dein Hund kommt schneller zu Dir. Und das willst Du ja schließlich. Ärger tut Euch beiden nicht gut. Vermeide ihn!

Erstarren

Das plötzliche Erstarren mitten in der Bewegung ist bereits eins der stärksten Beschwichtigungssignale. Der Hund fühlt sich unmittelbar bedroht und versucht, einen Reflex auszulösen, der auch bei der Jagd wirkt. Bewegung löst den Jagdtrieb aus, und wenn das Beutetier sich nicht bewegt, lässt der Jäger ab.

Auf Dich bezogen heißt das, dass der Hund wahrscheinlich gerade echte Angst vor Dir hat und nicht möchte, dass Du ihm etwas tust, sondern wieder sein Freund bist. Viele Besitzer verwechseln das Verhalten mit Gehorsam und Unterordnung. Aber in Wahrheit ist dies kein gutes Zeichen für Eure Beziehung.

Erstarrt der Hund in einer Situation mit Dritten, dann sind ihm diese in dem Moment unheimlich. Gestatte Deinem Hund, diese Situation so durchzustehen und zwinge ihn nicht, weiterzugehen. Sei stattdessen „der Fels in der Brandung“ und zeige Deinem Hund durch ruhiges und entspanntes Auftreten, dass er nichts zu befürchten hat, ohne auf ihn einzureden und noch weiter zu stressen.

Pfötchen geben

Manche Hunde (Wir kennen da ein Exemplar persönlich. Hallo Max, wenn Du das liest, ja Du bist gemeint :)) nutzen das Pfötchengeben vor allem bei Menschen als Signal zur Beschwichtigung, vor allem weil sie gelernt haben, dass Menschen darauf positiv reagieren. Seltener nutzen sie dieses Signal bei anderen Hunden.

Du hast jetzt viel gelernt, weil Dein Hund gähnt, oder?

Als Du hierher gefunden hast, hattest Du womöglich gar nicht gewusst, auf welch vielfältige Weise sich Dein Hund seiner Umwelt mitteilen kann, stimmt’s? Außer den oben genannten Signalen gibt es wie gesagt noch viele weitere, auf die wir aus Platzgründen hier nicht alle eingehen können.

Aber lass uns zum Abschluss noch kurz ein paar weitere Signale stichpunktartig erwähnen:

  • Lächeln – Dein Hund zieht die Mundwinkel bis zu den Ohren hoch und zeigt Zähne
  • Schmatzen – Meist in Verbindung mit Wegschauen (siehe oben) schmatzt der Hund mit den Lippen
  • Schwanzwedeln – Das vielfältigste Ausdrucksmittel kann in Kombination mit anderen Beschwichtigungssignalen diese unterstreichen
  • Welpenblick – Der Hund dreht die Ohren nach vorne und macht sein Gesicht runder und größer, um wie ein Welpe auszusehen, denn Welpen tut keiner weh
  • Bäuchlings hinlegen – Nicht als Unterwerfung zu verstehen (das wäre mit dem Bauch nach oben), sondern ebenfalls ein Zeichen der Beschwichtigung

Beschwichtigungssignale sind wichtig, lerne sie kennen!

Wenn Du Dich erst mal der ganzen Ausdrucksweisen, wie sich Dein Hund Dir mitzuteilen versucht, bewusst gemacht hast, wirst Du feststellen, wie oft er mit Dir kommuniziert. Da wir hier nicht in ausreichender Detailtreue auf alle Konzepte eingehen können, empfehlen wir Dir die Lektüre des oben genannten Buchs. Es gibt passend dazu auch noch ein Arbeitsbuch mit konkreten Übungen, die Dir helfen, das Verhältnis zwischen Dir und Deinem Hund zu festigen und zu verbessern. Umso mehr habt Ihr beiden Freude aneinander.

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